Zu Recht auf der Shortlist des deutschen Buchpreises: Herzfaden von Thomas Hettche (Rezension)

Nichts habe ich in der Schule mehr gehasst als Geschichtsunterricht (ok, Völkerball vielleicht). Ich weiß nicht warum. Denn uninteressiert bin ich ja nicht, aber dröge Verträge und Kriege über Kriege mit all ihren Strategien wieder und wieder zu behandeln hat dazu geführt, dass all die Jahreszahlen und Namen nie dauerhaft den Weg in meinen Kopf gefunden haben.

Bis ich die Welt der Romane entdeckte. Zusammen mit den Musketieren, Cyrano de Bergerac oder Jamie Fraser ging ich durch Kriege. Mit Desireé, der Päbstin und dem Glöckner von Notre Dame verstand ich Politik und menschliche Abgründe. Und zu guter Letzt hat mich Rick Riordan bei sämtlichen Mythologien zum Experten werden lassen…

Ich könnte endlos so weiter machen – zum Glück!

Ein neuer Schatz in meinem Bücherregal hat mir nun auf ergreifende Weise Einblicke ins dunkelste Kapitel deutscher Geschichte und deren Auswirkungen auf die Kunst und Kultur gewährt und dabei die Schicksale zweier Mädchen aus ganz verschiedenen Zeiten kunstvoll miteinander verwoben.

Als ich das Buch aufschlage, überkommt mich ein Schauer – die Texte sind in rot und blau gedruckt. Sofort fühle ich mich an Die unendliche Geschichte erinnert mit ihren roten und grünen Abschnitten. Doch ein Feel-Good Abenteuer mit Glücksdrachen und kindlichen Kaiserinnen erwartet den Leser bei Herzfaden nicht. Trotzdem beginnt das Buch mit einer scheinbar unendlichen Geschichte – den Schrecken des Nazi-Deutschlands.

Ein zwölfjähriges Mädchen ist verloren. Auf der Suche nach sich selbst und ihrer Position in einer zerrütteten Familie führt sie scheinbar zufällig ihr Weg in eine Welt hinter die Kulissen des Puppentheaters. Eine Welt fern der Realität – ähnlich wie Alice im Wunderland. Doch anstatt dem Hasen und der Grinsekatze begegnet sie der Seele der Augsburger PuppenkisteHatü. Nicht nur der Name ist außergewöhnlich, auch die Geschichte dieser starken Frau, die nach dem Tod ihres Vaters Walter Oehmichen seinen Traum weiter lebte.

So erschreckend der Krieg und seine Folgen auch sind, der unbändige Mut und die scheinbar grenzenlose Phantasie der Puppenschnitzerin Hannelore Marschall – genannt Hatü – haben mich durch die Geschichte ihres Lebens fliegen lassen.

Ob das Mädchen wieder nach Hause gefunden hat? Und warum Michael Ende so eine große Rolle in der Geschichte dieses kleinen großen Theater spielte? Lest selbst…

Ich war schon Mal in Augsburg und habe an einer Führung durch die Fuggerei teilgenommen. Ein grandioses Beispiel, wie Miteinander funktionieren kann. Die Verknüpfung zur Augsburger Puppenkiste kam mir damals gar nicht in den Sinn. Dabei bin ich ja buchstäblich mit dem Urmel, Kater Mikesch und Schlupp vom grünen Stern aufgewachsen!

„Der Herzfaden?“ fragt Hatü.

„Der wichtigste Faden einer Marionette. Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden einer Marionette macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der zuschauer festgemacht.“

S. 64

Mich hat der Herzfaden durch Thomas Hettches Worte hindurch erreicht. Danke. Sein Buch ist auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020 – absolut verdient. Ich drücke ganz fest die Daumen für den 12. Oktober, dass dieses Buch den Preis erhält!

Die Jury schreibt:

Leichthändig und elegant verwebt dieser Roman große Themen der Gegenwart und der deutschen Vergangenheit. Von einem verzauberten Dachboden aus führt er uns in die Welt der Holzmarionetten, in den Zweiten Weltkrieg, in die westdeutsche Nachkriegszeit, zum Verlust von Unschuld und dem Ende der Kindheit. Er handelt von der Fantasie und ihrer Rückeroberung – und Thomas Hettche gelingt dabei ein Stück Illusionskunst, die so spielerisch und melancholisch ist, wie jene, von der dieser Roman selbst so beeindruckend erzählt.

Jury des Deutschen Buchpreises 2020

Dem habe ich Nichts hinzuzufügen.

Bewertung: 5 von 5.
  • Gebundene Ausgabe : 288 Seiten
  • Preis : 24 €
  • ISBN-13 : 978-3462052565
  • Herausgeber : Kiepenheuer&Witsch
  • ET: 10. September 2020
  • Sprache: : Deutsch
  • Klappentext: Ein großer Roman über ein kleines Theater: die Augsburger Puppenkiste. Ein zwölfjähriges Mädchen gerät nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste durch eine verborgene Tür auf einen märchenhaften Dachboden, auf dem viele Freunde warten: die Prinzessin Li Si, Kater Mikesch, Lukas, der Lokomotivführer. Vor allem aber die Frau, die all diese Marionetten geschnitzt hat und nun ihre Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat. Sie beginnt im 2. Weltkrieg, als Walter Oehmichen, ein Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernt und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut. In der Bombennacht 1944 verbrennt es zu Schutt und Asche. »Herzfaden« erzählt von der Kraft der Fantasie in dunkler Zeit und von der Wiedergeburt dieses Theaters. Nach dem Krieg gibt Walters Tochter Hatü in der Augsburger Puppenkiste Waisenkindern wie dem Urmel und kleinen Helden wie Kalle Wirsch ein Gesicht. Generationen von Kindern sind mit ihren Marionetten aufgewachsen. Die Augsburger Puppenkiste gehört zur DNA dieses Landes, seit in der ersten TV-Serie im westdeutschen Fernsehen erstmals Jim Knopf auf den Bildschirmen erschien.

Das Buch wurde mir auf eigenen Wunsch hin vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Das hat meine Meinung nicht beeinflusst.

Weitere Meinungen dazu von meinen BloggerkollegInnen:

noch keine gesichtet…

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